An die Süddeutsche Zeitung
Dieser Leserbrief wurde veröffentlicht(aktuelles
Lexikon in der SZ v. 11.-12.1.03)
Sie haben im aktuellen Lexikon die wesentliche
Bestimmung des Atomwaffensperrvertrages widergegeben, nämlich die Verpflichtung
der Unterzeichnerstaaten, keine Atomwaffen zu
erwerben oder weiterzugeben. Einen ganz wesentlichen,
gleichbedeutenden und gleichberechtigten Bestandteil des Vertrages haben Sie
aber übersehen:
"Jede Vertragspartei verpflichtet sich, in
redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über wirksame Maßnahmen zur
Beendigung des Wettrüstens in naher Zukunft und zur nuklearen Abrüstung sowie über
einen Vertrag zur allgemeinen und vollständigen Abrüstung unter strenger und
wirksamer internationaler Kontrolle" (Art. VI des
Atomwaffensperrvertrags von 1968)
Diese Verpflichtung haben die
Atommächte nicht eingelöst. Das wird von Medien und Politik geflissentlich
verschwiegen. Die Zustimmung der Nicht-Atomwaffenstaaten zum Nicht-Erwerb stand
und steht unter der Bedingung, daß die Atomwaffenbesitzer ihre Verpflichtung
zur Abrüstung einlösen. Dies hat z.B. Indien bei den Überprüfungskonferenzen
und bei der Verlängerung des Atomwaffensperrvertrages immer wieder deutlich
gemacht und einen konkreten Zeitplan zur nuklearen Abrüstung gefordert. Wer
heute mit dem Finger auf Nordkorea zeigt, sollte noch viel lauter über den andauernden
Vertragsbruch der etablierten Atommächte lamentieren. Der
Atomwaffensperrvertrag ist Ausdruck des Versuchs, mit politischen Mitteln die
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern. Die derzeitige
Regierung der USA hat den ABM-Vertrag (Begrenzung der Raketenabwehr) gekündigt
und unlängst das „Ende der
Rüstungskontrolle“ verkündet. Die Verhandlungen und Verträge über
„Rüstungskontrolle“ (SALT und START usw.) konnten bei etwas gutem Willen als Weg
zur nuklearen Abrüstung verstanden werden. Die Regierung Bush hat aber deutlich
gemacht, daß sie nicht auf Atomwaffen verzichten will.
Noch nie war es so
offensichtlich wie heute: Militär dient der Machtpolitik, nicht der
Verteidigung. Das gilt selbstverständlich auch für Deutschland bzw. Europa.
Aus der Sicht der Militärstrategen erscheint es völlig
logisch, Waffensysteme präventiv (vorbeugend) zu zerstören, die die USA einst bedrohen könnten. Präventivkriege
werden die Verbreitung dieser Waffen aber nicht verhindern, sondern nur
verzögern. Wer an militärische Stärke glaubt, wird Mittel und Wege finden, sich
Massenvernichtungswaffen zu verschaffen. Neue Allianzen gegen die USA und neue
Rüstungswettläufe sind absehbar.
Der Schlüssel zur Verhinderung der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen liegt in den Hauptstädten der etablierten
Atommächte. Aber Deutschland könnte einen Beitrag leisten: Indem wir einseitig
auf die Atomwaffenoption verzichten (aktuell: Kampfbomber Tornado und
Flugkörper Taurus) und auf den Abzug der US-amerikanischen Atomwaffen aus
Deutschland drängen. Eine atomwaffenfreie Zone würde von mehr als 90% der
BürgerInnen unterstützt.
Thomas
Rödl